Grönland ist kein Zufall: Die langen Fehler der EU
Die aktuelle Auseinandersetzung um Grönland wirkt auf den ersten Blick wie ein weiteres Beispiel für die provokative Rhetorik Donald Trumps. Tatsächlich jedoch legt sie tiefere strukturelle Schwächen der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik offen. Die Debatte über mögliche US-Ansprüche, militärische Optionen und europäische rote Linien ist weniger ein plötzliches Eskalationsereignis als vielmehr das Ergebnis jahrelanger strategischer Versäumnisse der Europäischen Union. Der Fall Grönland zeigt, wie sehr Europa zwischen normativem Anspruch und machtpolitischer Realität gefangen ist – und wie diese Diskrepanz heute von anderen Akteuren genutzt wird. Die folgende Fehleranalyse zeigt, welche Fehler die EU in den vergangenen Jahren begangen hat, welche Fehlannahmen sie aktuell fortschreibt und welche politischen, sicherheitspolitischen und geopolitischen Folgen daraus voraussichtlich entstehen.
I. Fehler der EU in den vergangenen Jahren, die zu dieser Lage beigetragen haben
1. Strategische Selbstberuhigung nach dem Kalten Krieg
Die EU hat sich über Jahrzehnte in der Annahme eingerichtet, dass:
- territoriale Revisionen unter Verbündeten „undenkbar“ seien,
- die USA dauerhaft ein wohlwollender Sicherheitsgarant bleiben,
- ökonomische Verflechtung geopolitische Konflikte entschärft.
Fehler:
Die EU hat die Rückkehr von Machtpolitik – gerade auch durch Partner – zu spät ernst genommen. Trumps erste Grönland-Initiative (2019) wurde belächelt statt strategisch verarbeitet.
Folge:
Als Trump nun eskaliert, wirkt Europa reaktiv, nicht vorbereitend.
2. Vernachlässigung der Arktis als geopolitischen Raum
Obwohl:
- der Klimawandel die Arktis strategisch öffnet,
- Russland und China massiv investieren,
- Grönland sicherheits- und rohstoffpolitisch zentral ist,
hat die EU:
- keine konsistente Arktis-Sicherheitsstrategie entwickelt,
- Grönland primär als Umwelt- und Entwicklungsfrage behandelt,
- sicherheitspolitische Fragen an NATO und USA delegiert.
Fehler:
Die EU war politisch präsent, aber machtpolitisch abwesend.
Folge:
Ein Vakuum, das die USA nun – aus ihrer Sicht „notwendig“ – füllen wollen.
3. Unklare Beziehung zu Grönland selbst
Grönland ist:
- politisch autonom,
- wirtschaftlich abhängig (v. a. von Dänemark),
- außen- und sicherheitspolitisch begrenzt handlungsfähig.
Die EU hat es versäumt:
- Grönland systematisch als eigenständigen politischen Akteur einzubinden,
- langfristige Industrie-, Rohstoff- und Sicherheitskooperationen anzubieten,
- Alternativen zur US-Dominanz aufzuzeigen.
Fehler:
Die EU hat über Grönland gesprochen – aber zu selten mit Grönland.
Folge:
Washington kann glaubhaft argumentieren, Europa habe keine echten Angebote gemacht.
4. Dauerhafte sicherheitspolitische Abhängigkeit von den USA
Trotz aller Sonntagsreden:
- blieb die EU militärisch fragmentiert,
- hat sie ihre Abschreckungsfähigkeit nicht glaubwürdig ausgebaut,
- verlagerte sie harte Sicherheitsfragen reflexhaft zur NATO (also faktisch zu den USA).
Fehler:
Europa wollte geopolitische Souveränität, ohne den Preis dafür zu zahlen.
Folge:
Die USA fühlen sich berechtigt, europäische Sicherheitsräume als eigene Interessensphäre zu behandeln.
II. Welche Fehler macht die EU aktuell?
1. Moralische Klarheit statt strategischer Tiefe
Die EU reagiert derzeit vor allem mit:
- rechtlich korrekten, aber vorhersehbaren Stellungnahmen,
- Betonung von Souveränität und Völkerrecht,
- demonstrativer Solidarität mit Dänemark.
Fehler:
Das ist normativ richtig – aber strategisch unvollständig.
Was fehlt:
- ein konkretes europäisches Gegenangebot,
- ein Plan zur langfristigen Sicherung Grönlands,
- eine glaubwürdige Machtprojektion.
Folge:
Die EU wirkt wie ein Kommentator, nicht wie ein Akteur.
2. Öffentliche Eskalation statt diskreter Machtpolitik
Indem:
- rote Linien öffentlich gezogen werden,
- US-Drohungen offen verurteilt werden,
- der Konflikt medial moralisiert wird,
nimmt die EU Trump den Gesichtsverlust nicht ab, sondern erhöht ihn.
Fehler:
Man unterschätzt Trumps Logik: Eskalation nach außen ersetzt innenpolitische Schwäche.
Folge:
Die Gefahr wächst, dass Trump rhetorisch – oder symbolisch – weiter eskaliert, um Stärke zu demonstrieren.
3. Fehlende Differenzierung innerhalb der USA
Die EU spricht derzeit „mit den USA“,
- statt gezielt zwischen Weißem Haus, State Department, Kongress und Militär zu trennen.
Dabei sind:
- Rubio und das Pentagon deutlich zurückhaltender,
- Teile der Republikaner klar gegen einen militärischen Kurs.
Fehler:
Europa behandelt die USA als monolithischen Akteur – was sie nicht sind.
Folge:
Europa stärkt ungewollt die Hardliner, statt moderierende Kräfte einzubinden.
4. Keine eigene Sicherheitsinitiative für Grönland
Bisher gibt es:
- keine EU-Mission,
- keine gemeinsame Arktis-Sicherheitsarchitektur,
- keine europäische Schutzgarantie jenseits abstrakter Solidarität.
Fehler:
Die EU sagt, was nicht passieren darf – aber nicht, was sie selbst zu tun bereit ist.
Folge:
Die USA können argumentieren, dass sie „notwendig handeln“, weil Europa es nicht tut.
III. Wahrscheinliche Folgen dieser Fehler
Kurzfristig (Monate)
- Zunehmende Spannungen im transatlantischen Verhältnis.
- Weitere verbale Eskalationen aus Washington.
- Innenpolitischer Druck auf Dänemark und Grönland.
Mittelfristig (1–3 Jahre)
- Vertrauensverlust in die EU als sicherheitspolitischer Akteur.
- Stärkere US-Unilateralität auch in anderen europäischen Randzonen.
- Wachsende Zweifel kleiner Staaten, ob EU-Solidarität mehr als Rhetorik ist.
Langfristig
- Präzedenzfall: Interessen > Bündnissolidarität.
- Schwächung des NATO-Zusammenhalts.
- Beschleunigte Fragmentierung der westlichen Ordnung.
IV. Zuspitzendes Fazit
Die EU leidet hier nicht primär an einem Trump-Problem, sondern an einem eigenen Strukturproblem:
Sie will eine regelbasierte Ordnung verteidigen, ohne selbst bereit zu sein, Macht zu organisieren.
Grönland ist dabei weniger das Ziel – als der Testfall, ob Europa geopolitisch erwachsen geworden ist.
